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1.1 – Diasthematik

Das Tonsystem, wie wir es heute verstehen und wie es in der gleichschwebenden Stimmung realisiert ist, besteht aus 12 gleich großen Tonschritten innerhalb einer Oktav (vom Ausgangston bis zum Ton mit der doppelten Frequenz). Die absoluten Tonhöhen dieses Systems sind durch den Stimmton a‘ (meistens mit 443 Hz) definiert. Der eigentliche musikalische Gehalt steckt aber nicht so sehr in der absoluten Tonhöhe, sondern im Verhältnis der verschiedenen Tonhöhen zueinander.

Die diatonische Tonleiter ist eine Auswahl von 7 dieser 12 Töne, was bedingt, dass die Abstände zwischen den Tönen verschieden groß sind. Wenn man die Tonleiter mit einem anderen Ton beginnt, behält man das Muster bei und die Charakteristik bleibt gleich. (Alle meine Entchen klingt in C-Dur gleich wie in D-Dur.)

Die mathematische Seite der Diatonik ist seit dem Altertum bekannt. Die diatonische Tonleiter ließ sich mit mathematischen Formeln am Monochord darstellen. Die Töne wurden mit den Buchstaben des Alphabets bezeichnet. In der Musizierpraxis, also dem gesungenen Gregorianischen Choral spielte das keine Rolle. Solange es keine eindeutige Notenschrift gab, war die Weitergabe des Repertoires nur über das Auswendiglernen möglich. Als um ca. 1000 dann eine in diasthematischer Hinsicht eindeutige Notenschrift zur Verfügung stand, zeigte sich, dass das Lesen der Noten nicht ganz einfach war.

Guido von Arezzo gelang die „Alphabetisierung“ der Musiker. Er machte sich zunutze, dass die sechs Töne der Skala ab dem g das gleiche Intervallmuster hatten wie die sechs Töne ab dem c, dass sie also als gleich empfunden wurden, auch wenn sie, absolut gesehen, verschieden waren. Diesen sechs „Stufen“ gab er die Namen ut – re – mi – fa - sol – la. Mit der „Guidonischen Hand“ erfand er noch ein visuelles Zeichensystem für dieses relative Notensystem, das neben dem absoluten System, mit den Buchstaben als Notennamen und der Notenschrift in den Linien, bestand. Damit hatte er ein umfassendes Lerninstrumentarium geschaffen, mit dessen Hilfe ein Mönch den gesamten Gregorianischen Choral in einem statt zehn Jahren lernen konnte. Dieses relative System, die Silben mit den Handzeichen, wurde also für den Zweck geschaffen, ohne Instrument Noten lesen zu können.



Diasthematische Gehörbildung

Das Singen als Mittel zum Erlernen der Fähigkeit, sich den diasthematischen Inhalt von Musik vorstellen zu können, wird als Solmisation bezeichnet.

  • Absolute Solmisation

In Frankreich wurde die Bedeutung der Guidonischen Silben vergessen und die Silben Do, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si mit den absoluten Notennamen c, d, e, f, g, a, h gleichgesetzt (womit Jean-Jacques Rousseau keineswegs einverstanden war). Die absolute Solmisation zielt auf die Erlangung eines absoluten Hörvermögens ab. Sie unterscheidet im Namen nicht zwischen Stammton und Alteration und stellt damit keinen Bezug zur Tonalität her. Bei transponierenden Instrumenten stimmen die Notennamen nicht mit den klingenden Tönen überein.

(Hauptsächlich verwendet im romanischsprachigen Raum, in den meisten Ländern Osteuropas)

  • Relative Solmisation (auf einen veränderbaren Grundton bezogen)

Im 19. Jahrhundert griff die englische Lehrerin Sarah Ann Glover die relative Solmisation des Guido von Arezzo auf und entwickelte sie zu einem umfassenden System, das der inzwischen weiterentwickelten Musik gerecht wurde. John Curwen hat dazu neue Handzeichen entwickelt und das ganze System unter dem Namen Tonic-sol-fa in Großbritannien populär gemacht. Mithilfe der Handzeichen konnte der Lehrer den diasthematischen Inhalt der Musik darstellen; zum Üben bedurfte es keiner geschriebenen Noten. Das machte den Unterricht sehr flexibel. Der überzeugende Erfolg in der elementaren Musikausbildung erregte Aufmerksamkeit und Tonic-sol-fa wurde in vielen Ländern nachgeahmt. Von Zoltán Kodály wurde es in Ungarn eingeführt, wo es dauerhaft und mit großem Erfolg angewendet wurde.

In Ungarn stellte sich in der praktischen Arbeit heraus, dass sich für den Elementarunterricht die Pentatonik noch besser eignet als die Do-bezogene siebenstufige Diatonik. Das mag in der archetypischen Vertrautheit mit diesem archaischeren System begründet sein, könnte aber auch mit der größeren Eindeutigkeit der größeren Intervalle zusammenhängen.

In den „333 Olvasógyakorlat“ von Zoltán Kodály wird der pentatonische Tonraum in folgender Reihenfolge aufgebaut: Do – Re – La, - So, - Mi - So – La – Do‘ – Re‘ – Mi‘. Die ersten 3 Töne Do – Re – La, entsprechen im Intervallschema dem archaischen Muster So – La - Mi, aus dem viele Kinderreime (Ringel, Ringel, Reihe) bestehen. Das scheint dem Autor zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht bewusst gewesen zu sein.

(Verbreitet im angloamerikanischen Raum, Ungarn, Finnland)

Die relative Solmisation entfaltet ihre Wirkung beim Singen. Ihre große Bedeutung liegt darin, dass sie die tonale Funktionalität, quasi die Grammatik der abendländischen Musik, abbildet. Die relative Solmisation ersetzt das absolute Notensystem nicht. Spätestens mit der Benützung eines Instrumentes braucht man das absolute Notensystem und es entsteht eine Art von Zweisprachigkeit. Idealerweise beginnt Musikunterricht mit der relativen Solmisation und ohne Instrument, also gesungen. Erst mit dem Instrument gibt es eine Notwendigkeit für die absoluten Tonhöhen (Griffe, Tasten…) Die beim Singen erworbenen Fähigkeiten helfen dann beim Instrument. Der Unterricht mit der relativen Solmisation soll dem absoluten Notensystem vorausgehen, wenn die Solmisation Gehörbildung und nicht eine theoretische Rechenaufgabe sein soll. In der diatonischen Geige orientiert sich der Aufbau des Tonraumes an der tonalen Funktionalität, sie zeigt aber auch, dass Solmisationsunterricht anhand der Geige möglich ist. Der Unterricht soll aber getrennt vom Spielen nach Noten stattfinden.

So wie die relative Solmisation, ist auch die Pentatonik im Instrumentalunterricht nicht ganz unproblematisch, da, ebenso wie im Notenbild, unmittelbar zu erkennen ist, dass da Töne ausgelassen sind, während die siebenstufige diatonische Skala (besonders die von C-Dur) als vollständig empfunden wird. Die diatonische Geige findet einen Weg, die Vorteile der Pentatonik im Unterricht zu nutzen.

  • Gehörbildung von Ton zu Ton (nach Intervallen)

Ganz relativ ist eine Gehörbildung anhand des Intervalls zum vorangegangenen Ton. Das Intervall muss zuerst mit Hilfe der Theorie erkannt und dann vom Ausgangston aus gesungen werden. Sie ist ganz unabhängig von der Diatonik.

[Bild 1] (deutsch)

In der diatonischen Geige erfolgt der Aufbau des Tonraumes mit der Geigensolmisation.

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