Geigensolmisation
In der Geigensolmisation werden die in der Unendlichen Geige gewonnenen Erkenntnisse umgesetzt und Möglichkeiten gezeigt, wie Theorie und Gehörbildung von Anfang an in den Geigenunterricht integriert werden können.
Die elementare diasthematische Theorie umfasst im Wesentlichen die Bereiche Notenkunde (Notennamen und Schreibung im 5-Liniensystem incl. der Vorzeichen) und Tonartenkunde (die verschiedenen diatonischen Tonräume und ihre Ordnung im Quintenzirkel). Im Theorieunterricht werden die Tonarten naheliegenderweise anhand der Klaviertasten visualisiert, da diese das Tonsystem, mit dem Tonraum von C-Dur in der Mitte, gut abbilden. Das ist für Pianisten ein klarer Vorteil, für Geiger aber ein klarer Nachteil, denn sie haben schon ein Bild des Notensystems im Kopf, nämlich das Griffbild auf der Geige. Dieses ist gegenüber den Tonarten neutral und leistet vorerst kaum einen Beitrag zum Theorieverständnis. Dazu ist der Zusammenhang zwischen dem Tonsystem und dem Griffsystem der Geige zu komplex.
Theorie setzt die Kenntnis der Notennamen voraus. Diese müssen gelernt werden, auch wenn das System dahinter nicht erkannt wird. Die scheinbare Willkürlichkeit von Griff- und Namenssystem darf nicht versteckt oder ignoriert, sondern muss offensiv angegangen werden. Nur die „Handlungsanweisung“ („3. Finger auf der D-Saite“) zu kennen, ist zu wenig. Beim Tonleiter- und Dreiklangspielen erschließt sich der Zusammenhang zwischen Notensystem und Griffbild. Über die Notennamen lässt sich dieses Bild des Tonsystems aus geigerischer Perspektive mit der allgemeinen Theorie verknüpfen. Bei manchen Themen, wie etwa bei der Intervall(fein)bestimmung, ist diese Griffbildbezogene Theorie gegenüber der mit Klaviertasten dargestellten im Vorteil.
Gleichzeitig ist das Griffsystem der Geige gegenüber dem relativen Klangbild eindeutig und unmittelbar. Unabhängig von absoluter Tonhöhe und Fingersatz greift man z. B. eine reine Quint immer an der gleichen Stelle auf der Nachbarsaite. Das prädestiniert die Geige für die relative Solmisation. Wer darin schon Fähigkeiten hat, braucht nur noch einen kleinen Schritt zu einer Greiffingergehörbildung, die das haptische Erleben direkt mit dem Klangerlebnis in Verbindung bringt. Relative Gehörbildung kann aber auch anhand der Geige geübt werden.
Bei der Greiffingergehörbildung kommt zu den drei Parametern der relativen Solmisation: (relativer) Klang, Silbe, Handzeichen noch ein vierter dazu: das Griffbild. Das Griffbild ist aber nicht eindeutig, denn es gibt 4 Möglichkeiten, eine Tonfolge auf der Unendlichen Geige zu realisieren: mit dem 1. Finger beginnend, mit dem 2. Finger beginnend, mit dem 3. oder mit dem 4. Finger (Dazu kommt als Sonderfall die leere Saite anstelle des 4. Fingers.)
[Bild 1]
Oder anders dargestellt: das gleiche relative Klangbild in verschiedenen Fingersätzen in der 1. Lage:
[Bild 2]
Warum soll man die Greiffingergehörbildung auch noch machen? Weil es notwendig ist und sowieso nicht ausbleibt. Diese 4(½) Möglichkeiten des haptisch-akustischen Zusammenhangs kennt, mehr oder weniger ausgeprägt, jeder Geiger. Wird diese Fähigkeit vom Anfang an aktiv gefördert, so wie auch die Spieltechnik und die Intonation ständig geübt werden, dann wird auch die Greiffingergehörbildung sich schneller entwickeln (und darin ist dann eine gute Intonation inbegriffen). Silben und Handzeichen sind Mittel, die zur praktischen Durchführung des Unterrichts notwendig sind, wobei das Handzeichen für die Unterrichtspraxis das wichtigere ist. Möchte man auf beide verzichten, bleibt noch immer die Möglichkeit des Vorspielens durch den Lehrer und Nachspielen durch den Schüler entlang der Systematik der Geigensolmisation. Je besser strukturiert und aktiver das betrieben wird, desto eher, besser und schneller werden die Finger ihren Platz am Griffbrett finden.
Wichtigster Aspekt beim Aufbau des Tonraumes in der Geigensolmisation ist die Funktion im tonalen System (z. B. „Kuckucksterz“ = So - Mi), also der „musikalische Gehalt“. Der nächste Aspekt ist die absolute Tonhöhe, also der Notenname (a‘ – fis‘‘ oder d‘ – h) und die Schreibung im Notensystem. Erst aus dem Notennamen folgt dann die Griffweise.
[Bild 3]
Da der Platz am Griffbrett in Ermangelung von Bünden topografisch schwer zu definieren ist, wird die Griffweise mit dem Fingersatz und den etwas wagen (absoluten) Zusätzen „hoch“ und „tief“ umschrieben. (leere a-Saite – (hoher) 2. Finger auf der d-Saite oder leere d-Saite – (hoher) 2. Finger auf der g-Saite…). Eine andere (relative) Beschreibung der Griffweise ist die enge Fingerstellung (auf einer Saite ergibt sie den Halbton, auf benachbarten Saiten entweder die kleine Sext oder die übermäßige Quart).
Der Aufbau des Tonraumes erfolgt in zwei Abschnitten:
Abschnitt:
Pentatonik in folgender Reihenfolge: So – Mi – Do - La – Re – So, - La,. Diese Reihenfolge stimmt im Wesentlichen mit der beim Singen üblichen überein. Lediglich das Do ist, grifftechnisch bedingt, vorgezogen. Die Erweiterung des absoluten Tonraumes erfolgt durch Verschiebung des bekannten relativen Tonraumes auf andere Saiten bzw. Finger. Ausgangspunkt ist So (und damit gleichzeitig Do) als leere Saite. Für diesen Tonraum braucht es den 1. und 2. Finger auf drei Saiten. Folgende Tonräume stehen zur Verfügung:
Mit der Verschiebung von Do auf den 1. Finger kommt der 3. Finger dazu. Da es in der Pentatonik keine Halbtöne gibt, gibt es auch keine Griffarten. (Der Halbton, der zwischen hohem 3. Finger und leerer Saite liegt, erlaubt auch schon die Einbeziehung von Fa und Ti in den relativen Tonraum, ohne Halbtöne greifen zu müssen.)
Folgende Tonräume sind möglich:
[Bild 5]
Erst mit dem 4. Finger kommt der erste gegriffene Halbton. Damit ist man in der „Griffart“ mit dem Halbton zwischen 3. und 4. Finger (in den meisten Geigenschulen ist es die „3. Griffart“) angekommen.
2. Abschnitt.
Jetzt beginnt die systematische Erarbeitung der verschiedenen diatonischen Tonräume in der ersten Lage. Dabei wird nicht nach Griffarten vorgegangen, vielmehr ergibt sich das Griffbild aus Vorzeichnung und Ausschnitt aus dem gesamten Tonumfang. Zur Unterscheidung von dem auf eine Saite bezogenen Begriff „Griffart“ wird für die Darstellung eines mehrsaitigen Tonumfangs der Begriff „Griffbild“ verwendet. Diese „Griffbilder“ werden entweder mit den relativen Solmisationssilben
[Bild 6]
oder mit den absoluten Notennamen in Verbindung gebracht. Der Springende Finger ist farblich codiert.
[Bild 7]
Jedem dieser zwei-, drei- oder viersaitigen Griffbilder ist ein Kapitel gewidmet. Bei der Anordnung dieser Kapitel ist entscheidend, dass sich entweder der gewählte Tonumfang oder die Tonart ändert, aber nie beides gleichzeitig.
Beim Wechsel des Ausschnittes, etwa von e- und a-Saite zu a- und d-Saite (in A-Dur), kann der Schüler erkennen, wie sich das Griffbild trotz gleicher Vorzeichnung ändert. Auf e- und a-Saite ist die gleiche „Griffart“, auf der d-Saite eine andere. Er kann auch beobachten, wie die # jetzt für einen anderen Finger gelten. (Anhand der # kann er besonders erkennen, dass der gleiche Ton auf einer anderen Saite einen anderen Finger hat.) Er kann also einen kleinen Teil der Theorie schon mitverfolgen.
Wenn beim gleichen Ausschnitt die Tonart wechselt, etwa von A- zu D-Dur (auf a- und d-Saite), kann er erkennen, dass das # den Ton erhöht. Die „Griffart“ auf der anderen Saite (a) bleibt unverändert.
[Bild 9] [Bild10]
War vorher die „Griffart“ auf beiden Saiten gleich, so sind sie jetzt verschieden und es gibt einen Springenden Finger. Der Schüler kann wieder einen kleinen Ausschnitt des komplexen Systems beobachten. Wechseln Tonart und Tonumfang gleichzeitig, ist es viel schwieriger, Zusammenhänge zu erkennen.
Beim Lagenspiel kommt ein weiterer Parameter dazu. Es wechselt der Fingersatz. Die Griffbilder nebeneinander liegender Lagen können in einem Griffbild zusammen dargestellt werden. Von den drei Paramatern Tonart, Tonumfang und Lage soll auch immer nur einer geändert werden.
[Bild 11]
Flageoletts
Flageoletts sind nicht Teil des diatonischen Griffsystems. Der Zusammenhang zwischen Griffweise und Klang ist ein anderer und er ist schwer nachzuvollziehen. In Anlehnung an die „Künstlichen Flageoletts“ wurde eine für alle Flageoletts gültige eindeutige Schreibweise gewählt, die die Griffweise, nicht aber den Klang beschreibt. Soweit Namen notwendig sind, können die folgenden verwendet werden:
[Bild 12]